Erste Erfahrungen mit einem tauben Hund


„Gestatten, mein Name ist Bzzzt“

 

So oder so ähnlich stellt sich Bangeloo wohl einem anderen Hund vor.

Bangeloo ist jetzt drei Monate und drei Tage alt. Er ist ein wunderschöner, kluger, aufmerksamer, gelehriger, freundlicher und einfach toller Dalmatiner-Rüde. Zu seinem Wurf gehören zwei Brüder und drei Schwestern, er hat viele Hunde- und Menschenfreunde, und egal wo wir hinkommen, ist er einfach „everybodys darling“. Er spielt gerne mit seiner Freundin Juwel (eine Australian Shepherd- Dame) im Bach, mag Pferdeställe und hat schon seinen ersten Welpenkurs gemacht. Außerdem kann er schon Sitz, Platz, Steh und Komm.

Rundum- er ist einfach großartig, und er ist taub.

Als Bangeloo acht Wochen alt war, wurden er und seine Geschwister audiometrisch untersucht. Das Ergebnis war zunächst einmal niederschmetternd- nicht nur für uns, die wir unseren Loo schon ins Herz geschlossen hatten, sondern natürlich auch für die Züchterfamilie, die sich so viel Mühe gegeben und so viel Liebe in diese Welpen gesteckt hatte- und dann das: Einer- unserer- war beidseitig taub. Aber für uns- das hatten wir schon vorher beschlossen- sollte das keine Rolle spielen. Wir hatten uns für Loo entschieden- ihm einen Namen gegeben und acht Wochen immer und immer wieder besucht, gestreichelt, gefüttert und mit ihm gespielt. „Bangeloo ist unser Hund, er ist für uns wie ein zweites Kind, und wir stehen zu ihm,
 auch wenn er gelbe Füße und grüne Ohren hätte. Das alles spielt keine Rolle. Wir haben uns
 für diesen Hund entschieden, so wie er ist- genauso- basta“, habe ich gesagt.

Als allerdings das erste Mal das Thema Taubheit aufgekommen war (Loo war ca. 5 Wochen alt), fielen mir die Kommentare aus meinen Dalmatiner-Büchern ein: „...kann nie ohne Leine.. ...nicht artgerecht leben...keine Orientierung ...schwer erziehbar...hyperaktiv...aggressive Hunde...schreckhafter als andere...und um Himmels Willen nie mit kleinen Kindern...
...am besten einschläfern lassen.“

„Nein, einen tauben Hund können wir nicht nehmen“, habe ich da wohl gesagt. Ich muss dazu sagen, dass wir (mein Mann und ich) einen 1 ½ Jahre alten Sohn haben, mein Mann
 den ganzen Tag arbeitet, ich also für beide da sein muss, kurz vor dem Abschluss meines Psychologiestudiums stehe, demnächst also Prüfungen habe, außerdem gerne reite und den Hund eigentlich mit auf Ausritte nehmen wollte. Das alles schien mit einem tauben Hund nicht vereinbar zu sein- so dachten wir und auch „unsere“ Züchter. Aber als wir den ersten Verdacht hatten, dass Loo eventuell „nicht so gut hört“, da fingen wir an, uns mit dem Thema Taubheit bei Hunden doch einmal mehr auseinander zu setzen. Eigentlich war´s doch ein ganz lieber süßer Hund- er war gesund, erschien uns nicht aggressiver oder schreckhafter als die anderen zu sein, er spielte öfter für sich allein und war eher sogar ruhiger als die anderen. So gesehen war er doch genau der Hund, den ich mir seit sechs Jahren wünschte, welche Rolle spielte da eigentlich die Taubheit? Im Internet haben wir viele Informationen zu diesem Thema gefunden. Sogar zwei Bücher habe ich dazu gelesen („Einfach taub“ und „Living with a deaf dog“). Die Menschen, die da berichten, erzählen von ihren tauben Hunden kaum etwas anderes als Menschen von ihren hörenden Hunden. Da gibt es ruhige und wilde, friedliche und aggressive, gelehrige und sture, unterwürfige und dominante, mutige und ängstliche- ja eigentlich scheinen all diese Hunde auf ihre Art mit ihrer Taubheit zurecht zu kommen. Ein Hund,
der nicht hören will, hört auch nicht. Wenn ein tauber Hund nicht hören will, dann guckt er halt nicht. Die Entscheidung fiel mit all diesen Argumenten: Loo gehört zu uns- ob taub oder nicht. Vor kurzem haben wir ein Halsband für ihn gekauft, das vibriert, wenn man einen Knopf auf dem Sender drückt. Reine Vibrationshalsbänder gibt es leider nicht. So haben wir ein
 Schock-Halsband mit Vibrationsfunktion (gibt es von der Firma Dogtra), wobei wir nur „vibrieren“. Und dieses Vibrieren benutzen wir als Synonym für seinen Namen. Loo denkt also, er heiße „Bzzzt“, das macht aber nichts.

Bis jetzt klappt alles ganz prima mit ihm und wir wollten ihn nicht mehr missen. Wir würden uns immer wieder für ihn entscheiden.

Er würde für uns durchs Feuer gehen, das wissen wir...

...und wir für ihn auch.    

Geschrieben am 27.08.03 von Melanie Ortlieb, Besitzerin vom “Bangeloo, DZB 24496

 

Zeichnungen vom Loo